Armut ist kein Ausdruck individuellen Versagens, sondern Folge struktureller gesellschaftlicher Ungleichheiten. Sie wirkt bereits im Kindesalter und schränkt Entwicklungs-, Bildungs- und Teilhabechancen junger Menschen ein. Die daraus resultierenden Benachteiligungen wirken oft ein Leben lang und werden in eingeschränkten Ausbildungs- und Erwerbsperspektiven deutlich.
Weil Armut und Bildungsbenachteiligung sich gegenseitig verstärken, sind gleiche Bildungschancen ein Schlüssel zur Armutsprävention. Diese muss frühzeitig ansetzen, Benachteiligung abbauen und Teilhabechancen eröffnen. Die Kinder- und Jugendhilfe leistet hierzu einen wesentlichen Beitrag. Sie kann die Ursachen und Folgen von Armut jedoch nicht allein überwinden. Dafür braucht es verlässliche politische Rahmenbedingungen, die allen jungen Menschen faire Zukunftschancen ermöglichen.
Armut verhindert Bildung
Jährlich verlassen in Deutschland mehrere zehntausend junge Menschen die Schule ohne Ersten Schulabschluss. Sie haben somit deutlich schlechtere Chancen auf einen Ausbildungsplatz oder einen erfolgreichen Berufseinstieg. Nachdem die Zahl der Abgänger:innen in den vergangenen Jahren zunächst rückläufig war, steigt sie seit 2020 wieder kontinuierlich an. 2024 haben mehr als 62.000 junge Menschen die Schule ohne Ersten Abschluss verlassen. Dies entspricht etwa 8% des gesamten Jahrgangs. Knapp 39 % der jungen Menschen ohne Ersten Schulabschluss besuchten zuletzt eine Förderschule.1 Für 2025 wird ein weiterer Anstieg der Abgänger:innen ohne Ersten Schulabschluss prognostiziert - auf mehr als 64.000 junge Menschen.
Bildungschancen sind in Deutschland nach wie vor eng mit der sozialen Herkunft verbunden. Armut erschwert den Bildungserfolg von Beginn an. Fehlende finanzielle Ressourcen, beengte Wohnverhältnisse und eingeschränkte Möglichkeiten zur gesellschaftlichen und kulturellen Teilhabe beeinträchtigen das Lernen ebenso wie ungleiche Voraussetzungen beim Erwerb von Sprach- und Basiskompetenzen. Hinzu kommen unterschiedliche familiäre Voraussetzungen. Nicht alle Eltern verfügen über die gleichen Möglichkeiten, ihre Kinder im Bildungssystem zu begleiten und die Bildungsbiografie zu unterstützen. Psychische Belastungen sowie familiäre Krisen bergen zudem die Gefahr von Schulabsentismus und Bildungsabbrüchen.
Armutsbedingte Benachteiligung trifft im Schulsystem auf strukturelle Herausforderungen. Lehrkräftemangel, fehlende Schulsozialarbeit und unzureichende individuelle Förderung verstärken bestehende Bildungsungleichheiten. Bildungsbenachteiligung entsteht damit nicht zufällig, sondern ist das Ergebnis individueller Belastungen, ungleicher sozialer Voraussetzungen und struktureller Defizite im Bildungssystem.
Bildung schützt vor Armut
Bildung eröffnet Zukunftschancen und schützt wirksam vor Armut. Um allen Kindern und Jugendlichen diese Perspektive zu eröffnen, sind gleiche Entwicklungs- und Bildungschancen zu ermöglichen unabhängig von sozialer Herkunft, individuellen Voraussetzungen oder familiären Rahmenbedingungen. Voraussetzung hierfür ist, Benachteiligungen frühzeitig zu erkennen und auszugleichen. Bildungsgerechtigkeit beginnt daher nicht erst mit dem Schuleintritt, sondern bereits in der frühen Kindheit.
Ein Schulabschluss ist die zentrale Voraussetzung für den Zugang zu Ausbildung, Beschäftigung und gesellschaftlicher Teilhabe. Menschen mit höheren Bildungsabschlüssen haben bessere Chancen auf eine existenzsichernde Erwerbstätigkeit, höhere Einkommen und ein deutlich geringeres Armutsrisiko. Umgekehrt sind junge Menschen ohne Schulabschluss überdurchschnittlich häufig von Arbeitslosigkeit, prekären Beschäftigungsverhältnissen und langfristiger sozialer Ausgrenzung betroffen. Auch die OECD betont, dass Bildungsabschlüsse maßgeblich über die Teilhabe am gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben entscheiden.
Bildung entsteht jedoch nicht allein in der Schule. Sie beginnt früh, findet in unterschiedlichen Lebenswelten statt und umfasst weit mehr als den Erwerb fachlicher Kompetenzen. Die Kinder- und Jugendhilfe eröffnet Bildungsräume, stärkt personale und soziale Kompetenzen, fördert Selbstwirksamkeit und begleitet junge Menschen in belasteten Lebenslagen. Gemeinsam mit den Familien, Schulen und weiteren Akteurinnen und Akteuren schafft sie Voraussetzungen dafür, dass Bildung gelingen kann.
Gerade für armutsgefährdete Kinder und Jugendliche ist die Kinder- und Jugendhilfe ein zentraler Bildungs- und Teilhabeort. Angebote der frühen Bildung, Schulsozialarbeit, Hilfen zur Erziehung sowie die Begleitung beim Übergang von der Schule in Ausbildung und Beruf tragen dazu bei, positive Bildungsverläufe zu unterstützen, Bildungsabbrüche zu vermeiden und Zukunftsperspektiven zu eröffnen. Investitionen in Bildung und eine leistungsfähige und bedarfsgerechte Kinder- und Jugendhilfe sind deshalb zugleich Investitionen in Armutsprävention, gesellschaftliche Teilhabe und den sozialen Zusammenhalt.
Wir wissen, was wirkt und tun zu wenig.
Der Zusammenhang zwischen Armut und Bildungschancen gehört zu den am besten unter-suchten Themen der Bildungs- und Sozialforschung. Die Ursachen von Bildungsarmut sind seit Jahren bekannt. Ebenso liegen zahlreiche wissenschaftliche Erkenntnisse und praxiserprobte Konzepte vor, wie Bildungsbenachteiligung frühzeitig erkannt und wirksam abgebaut werden kann. Dennoch zeigt auch der nationale Bildungsbericht "Bildung in Deutschland Seite 3 von 5 2026", dass die soziale Herkunft die Bildungschancen junger Menschen weiterhin maßgeblich prägt.5 Trotz zahlreicher bildungs- und sozialpolitischer Maßnahmen konnten bestehende Bildungsungleichheiten bislang nicht nachhaltig zurückgedrängt werden.
Die bildungs- und sozialpolitischen Initiativen der vergangenen Jahre sind wesentliche Schritte auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit. Der Rechtsanspruch auf Ganztagsförderung für Grundschulkinder, das Startchancen-Programm sowie die geplante Weiterentwicklung der frühkindlichen Bildung im Rahmen des SCQEG greifen zentrale Herausforderungen auf, und setzen wichtige Impulse. Entscheidend wird nun sein, diese Ansätze konsequent und evidenzbasiert weiterzuentwickeln, dauerhaft abzusichern und mit den Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe zu verzahnen. Bildungsgerechtigkeit entsteht nicht durch einzelne Programme, sondern durch eine langfristig angelegte und abgestimmte Gesamtstrategie.
10-Punkte-Plan für mehr Bildungsgerechtigkeit
Es fehlt demnach nicht an den erforderlichen Kenntnissen, sondern an der notwendigen Umsetzung. Um die Entwicklungs- und Bildungschancen junger Menschen zu verbessern, Armutsprävention zu fördern und soziale Mobilität zu ermöglichen, fordern wir:
01. Kinderarmut wirksam bekämpfen
02. Bildungsgerechtigkeit braucht politische Priorität
03. Bildungsbenachteiligung gemeinsam überwinden
04. Kinder- und Jugendhilfe als Bildungsakteurin stärken
05. Qualität der frühkindlichen Bildung stärken
06. Schule inklusiv weiterentwickeln und individuelles Lernen ermöglichen
07. Schulische Teilhabe individuell ermöglichen
08. Schulsozialarbeit bundesweit flächendeckend verankern
09. Chancen der Ganztagsförderung nutzen. Qualität entwickeln
10. Übergänge in Ausbildung und Beruf erfolgreich gestalten