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  • Effektivität von intensivpädagogischen Hilfen zur Erziehung
Zwei jungen tragen spezielle Zäune, die im Wald und auf der Wiese gegen Verbissschutz aufgestellt werden.
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Messestand 18. Deutscher Kinder- und Jugendhilfetag mit dem Logo des BVKE und dem Slogan "Wir sind dabei!"; zahlreiche Besucher in einer großen Halle.
Das Bild zeigt eine Person mit Kopfhörern, die auf einen transparenten Bildschirm mit digitalen Anzeigen und Texten blickt.

Factsheet: Effektivität von intensivpädagogischen Hilfen zur Erziehung

Einleitung – Problemstellung und gesellschaftliche Relevanz

Kinder- und Jugendhilfe ist oft mit sogenannten "Systemsprengern" konfrontiert: Darunter werden junge Menschen verstanden, die aufgrund ihrer komplexen Biografien als besonders herausfordernd gelten und häufig als nicht gruppenfähig und nicht beschulbar erlebt werden. Diese Jugendlichen, oft mit umfangreicher Vorerfahrung an stationären Unterbringungsformen, erleben meist wiederkehrende Brüche ("Drehtüreffekte") in ihrer Betreuung, was vielfach zu der Annahme führt, Hilfen zur Erziehung seien bei ihnen wirkungslos. In der Regel können diese jungen Menschen aufgrund destruktiver Familienverhältnisse nicht mehr zuhause leben und sind auf intensive Betreuung angewiesen. Doch entspricht dieses Bild der Realität? Welche Faktoren entscheiden über Erfolg oder Scheitern von Hilfen?

Empirische Datengrundlage

Grundlage dieses Factsheets bilden Ergebnisse aus über 20 wissenschaftlichen Studien mit quantitativen und qualitativen Untersuchungsdesigns, so z. B. der Evaluationsstudie Erzieherischer Hilfen (EVAS) mit deutschlandweit über 75.000 evaluierten Hilfen zur Erziehung.

Wer sind die sogenannten „Systemsprenger“?

Diese jungen Menschen unterscheiden sich signifikant von anderen Hilfefällen durch

  • viele (bis zu 25!) gescheiterte Hilfen im Vorfeld
  • höheres Einstiegsalter (im Schnitt 13,2 Jahre)
  • häufige Wohnort- und Schulwechsel
  • weniger stabile familiäre Verhältnisse (häufig Vormundschaft)
  • erhöhte Rate an dissozialen Störungen, Straffälligkeit und Substanzmissbrauch
  • geringere persönliche Ressourcen und Schutzfaktoren

Folgende spezifischen Auffälligkeiten sind häufig

  • doppelte Rate polizeilich erfasster Straftaten
  • signifikant höherer Drogenkonsum
  • häufige Diagnosen psychischer Störungen (z. B. ADHS, Störung des Sozialverhaltens, Bindungsstörungen, depressive Störung)

Wirksamkeit der Jugendhilfe für „Systemsprenger“ – Empirische Befunde

Das Bild zeigt ein Balkendiagramm mit drei Kategorien: „positiv“, „neutral“ und „negativ“. Der positive Wert ist mit etwa 70 am höchsten, während neutral (ca. 10) und negativ (ca. 20) deutlich niedriger liegen. Jede Säule hat Fehlerbalken, die die Unsicherheit der Werte darstellen.

Die Ergebnisse der Studien sind eindeutig: Trotz schwierigster Ausgangslagen und mehrfach gescheiterter Interventionen erzielen sämtliche untersuchten Hilfearten positive Effekte: Problemlagen (z. B. Kriminalität) wurden reduziert und Ressourcen und Kompetenzen (z. B. Schulleistungen) verbessert. Insgesamt wird eine Erfolgsquote von durchschnittlich 70 % (in einzelnen Studien sogar bis über 90 %) erreicht:

 

Der Balken-Chart vergleicht die Effektivstärke von

Besonders effektiv zeigen sich dabei individualpädagogische Hilfen (§ 35 SGB VIII) und Intensivpädagogische Wohngruppen (§ 34 SGB VIII). Mit ihrem personalintensiven (Personalschlüssel z. B. 1:1), multidisziplinären, stark vernetzten (z. B. mit Psychiatrie) und auf den Einzelfall zugeschnittenen Vorgehen gelingen diesen Hilfen deutlich höhere Effekte als weniger intensiven Hilfen.

Volkswirtschaftlicher Nutzen der Hilfen zur Erziehung – vom Hilfeempfänger zum Beitragszahler

Aus volkswirtschaftlicher Sicht stellen die erfolgreichen Hilfen zur Erziehung eine lohnende Investition dar

  • Prävention langfristiger Folgekosten durch Reduzierung von Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Gesundheitsproblemen
  • Förderung sozialer Integration und Teilhabe
  • Einsparungen durch reduzierte Inanspruchnahme staatlicher Transferleistungen und Gesundheitskosten
  • Erfolgreiche Hilfen zur Erziehung führen zu Beiträgen ins Steuer- und Sozialsystem

Studien belegen klar die positive Kosten-NutzenRelation einer fachlich fundierten und effektiven Jugendhilfe. Dies gilt auch für die Arbeit mit jungen Menschen, die als besonders herausfordernd gelten - obwohl hier eine intensive Rund-um-die-UhrBetreuung unabdingbar ist. Trotz der daraus resultierenden hohen Kosten gelingt es mit diesen Hilfen, ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis von bis zu 1:6 zu erreichen. 

Zentrale Wirkfaktoren für erfolgreiche intensivpädagogische Hilfen zur Erziehung

Für nachhaltige Erfolge sind bestimmte Faktoren entscheidend, deren Umsetzung oft noch verbessert werden kann:

Ausgangslage

Je älter Jugendliche sind und je umfangreicher ihre Hilfe-Vorgeschichte ist, desto komplexer sind die Anforderungen an die Hilfen.

Prozessqualität

  • Dauer der Hilfen: Langfristige, kontinuierliche Betreuung ("Haltequalität") erhöht die Effektivität signifikant.
  • Partizipation und Beziehungsqualität: Aktive Beteiligung der Jugendlichen und tragfähige Beziehungen sind zwar personalintensiv, haben aber statistisch betrachtet den größten Einfluss auf die Effektivität einer Hilfe.
  • Wirkungsorientierte und multiperspektivische Hilfeplanung auf Augenhöhe mit allen Beteiligten

Strukturqualität

  • Qualifikation und Konstanz des Personals, verlässliche Beziehungsangebote
  • evidenzbasiertes Monitoring und gezielte externe Kooperation und Vernetzung

Realbiografischer Einblick – eine Erfolgsgeschichte

Gabriel (Name geändert) wuchs in Berlin unter schwierigsten Bedingungen auf - ohne Vater und mit Gewalt im familiären Umfeld. Bereits mit zwölf Jahren übernachtete er allein im Freien, um den Exzessen und Übergriffen zu entkommen. Mit 13 fand er endlich in der Jugendhilfe des Hauses Conradshöhe Halt, erhielt Therapie, machte seinen Mittleren Schulabschluss und absolvierte eine Ausbildung zum Maler. Heute, mit nur 20 Jahren, ist er Malermeister und sportlich aktiv. Gabriels Weg zeigt eindrucksvoll, wie lebensverändernd rechtzeitige Hilfe und Unterstützung sein können - und wie viel Stärke in einem jungen Menschen stecken kann, wenn man an ihn glaubt.

Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis

  • Verstärkung spezifischer, evidenzbasierter Angebote für hoch belastete Jugendliche.
  • Erhalt der personellen und finanziellen Ressourcen zur Sicherstellung der notwendigen Struktur- und Prozessqualität.
  • Priorisierung partizipativer Ansätze und individueller Hilfeplanung im Hilfeprozess.
  • Weiterentwicklung von Qualitätsstandards für Jugendhilfeeinrichtungen, insbesondere im Umgang mit herausfordernden Jugendlichen.

Fazit

Entgegen der verbreiteten Skepsis belegen empirische Studien eindeutig die Wirksamkeit der Hilfen zur Erziehung, auch für sogenannte "Systemsprenger". Eine gezielte Qualitätsentwicklung, insbesondere hinsichtlich der zentralen Wirkfaktoren, sichert langfristige, positive Wirkungen und ist gesellschaftlich und volkswirtschaftlich lohnend.

Kontakt

Bundesverband Caritas Kinder- und Jugendhilfe

Stephan Hiller
Telefon: 0761 200-760
E-Mail: stephan.hiller@caritas.de

Literaturverzeichnis zum Factsheet "Effektivität von intensivpädagogischen Hilfen zur Erziehung"

Literaturverzeichnis zu Factsheet "Effektivität von intensivpädagogischen Hilfen zur Erziehung"

  • Baumann, M. (2012). Kinder, die Systeme sprengen. Band 1: Wenn Jugendliche und Erziehungshilfe aneinander scheitern. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

  • Baumann, M. (2014). Jugendliche Systemsprenger - zwischen Jugendhilfe und Justiz (und Psychiatrie). Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 2, 162-167.

  •  Baumann, M. (2018). Kinder, die Systeme sprengen? Die Dynamik scheiternder Hilfeverläufe und (ver-)störender Verhaltensweisen. Unsere Jugend, 70(1), 2-10. https://doi.org/10.2378/uj2018.art02d

  •  Baumann, M. (2019b). Kinder, die Systeme sprengen. Band 2: Impulse, Zugangswege und hilfreiche Settingbedingungen für Jugendhilfe und Schule. Baltmannsweiler: Schneider Verlag Hohengehren.

  •  Baumann, M., Bolz, T., & Albers, V. (2017). "Systemsprenger" in der Schule? Auf massiv störende Verhaltensweisen von Schülerinnen und Schülern reagieren. Weinheim: Beltz.

  •  Feist-Ortmanns, M., & Macsenaere, M. (2020). Abschlussbericht "Mitreden - Mitgestalten: Die Zukunft der Kinder- und Jugendhilfe". https://www.mitreden-mitgestalten.de/informationen/dokument/abschlussbericht-mitreden-mitgestalten-die-zukunft-der-kinder-und-jugendhilfe

  •  Gahleitner, S. B. (2017). Das pädagogisch-therapeutische Milieu in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Trauma- und Beziehungsarbeit in stationären Einrichtungen (2., überarb. & aktualisierte Aufl.). Köln: Psychiatrie-Verlag.

  •  Glöge, D., & Klein, J. (2022). Circusse im Rahmen der individualpädagogischen Hilfen des Neukirchener Erziehungsvereins. Unsere Jugend, 74(6), 279-292.

  • Herz, B. (2008). Kooperation zwischen Schule, Kinder- und Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie. In H. Reiser, A. Dlugosch & M. Willmann (Hrsg.), Professionelle Kooperation bei Gefühls- und Verhaltensstörungen - Pädagogische Hilfen an den Grenzen der Erziehung (S. 171-189). Hamburg: Dr. Kovac Verlag.

  •  Höllmüller, H. (2015). "Geh dich ritzen, Elefant!" - Aktuelle Erfahrungswelten von als "besonders schwierig" etikettierten Jugendlichen in der Kinder- und Jugendhilfe. soziales_kapital. wissenschaftliches journal österreichischer fachhochschul-studiengänge soziale arbeit, 14, 156-170.

  •  Klawe, W. (2010). Verläufe und Wirkfaktoren Individualpädagogischer Maßnahmen. Köln: AIM Bundesarbeitsgemeinschaft Individualpädagogik.

  •  Klein, J., Arnold, J., & Macsenaere, M. (2011). InHAus. Individualpädagogische Hilfen im Ausland: Evaluation, Effektivität, Effizienz. Freiburg im Breisgau: Lambertus.

  •  Klein, J., & Macsenaere, M. (2015). InHAus 2.0. Individualpädagogische Hilfen im Ausland und ihre Nachhaltigkeit (Beiträge zur Erziehungshilfe, Bd. 43). Freiburg im Breisgau: Lambertus.

  •  Koß, P., Wagner, C., & Baumann, M. (2018). Riskant agierende junge Menschen - über hilflose Systeme und ihre sogenannten "Systemsprenger". Zeitschrift für Jugendkriminalrecht und Jugendhilfe, 29(4), 285-291.

  •  Macsenaere, M. (2016). Partizipation. In W. Weiß, T. Kessler & S. B. Gahleitner (Hrsg.), Handbuch Traumapädagogik (S. 106-114). Weinheim: Beltz Juventa.

    Macsenaere, M. (2018). "Systemsprenger" in den Hilfen zur Erziehung: Welche Wirkungen werden erreicht und welche Faktoren sind hierfür verantwortlich? Jugendhilfe, 56(3), 310-314.

  • Macsenaere, M., & Esser, K. (2015). Was wirkt in der Erziehungshilfe? Wirkfaktoren in Heimerziehung und anderen Hilfearten (2., aktualisierte Aufl.). München: Reinhardt.

  •  Pahns, S., Wuttke, A., Ulrich, B., Knackstedt, M., Moller, P., & Soluk-Pardylla, C. (2015). Neue Wege im Umgang mit "Systemsprengern": Vorstellung eines Praxismodells aus der Region Braunschweig/Wolfenbüttel/Salzgitter. In M. Baumann (Hrsg.), Neue Impulse in der Intensivpädagogik. Theorie und Praxis der Jugendhilfe, 11(1), 74-84. Hannover: SchöneWorth Verlag.

  •  Peters, M. (2015). Koordinierungsstelle individuelle Unterbringung - Ein Modellprojekt des Paritätischen Hamburg stellt sich vor. In M. Baumann (Hrsg.), Neue Impulse in der Intensivpädagogik. Theorie und Praxis der Jugendhilfe, 11(1), 41-51. Hannover: SchöneWorth Verlag.

  •  Rätz-Heinisch, R. (2005). Gelingende Jugendhilfe bei "aussichtslosen Fällen" - Biographische Rekonstruktion von Lebensgeschichten junger Menschen. Würzburg: Ergon Verlag.

  •  Roos, K. (2005). Kosten-Nutzen-Analyse von Jugendhilfemaßnahmen (Studien zur Jugend- und Familienforschung, Bd. 23). Frankfurt am Main: Peter Lang.

  •  Rothkötter, D., Klein, J., & Scholten, H. (2016). Intensivpädagogik fängt die Mädchen auf. Neue Caritas, 117(8).

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  •  Scholten, H., Lachnitt, J., Klein, J., & Macsenaere, M. (2010). Den Drehtüreffekt in der Jugendhilfe stoppen: Die Otmar-Alt-Gruppe für sexuell übergriffige Jungen. Kindesmisshandlung und -vernachlässigung - Interdisziplinäre Fachzeitschrift für Prävention und Intervention, 13(2), 42-61.

  •  Schwabe, M. (2016). Was hilft wem? Typologien selbst- und fremdgefährdend agierender junger Menschen und die Frage nach dem passenden Erziehungshilfe-Setting. In Perspektiven - Denkanstöße zu Theorie und Praxis der Jugendhilfe (1). http://drk-kinder-jugend-familienhilfe.de/uploads/tx_ffpublication/Impulse_fuer_die_Jugendhilfe.indd.pdf (Abruf: 07.02.2018)

  •  Tammena, D., & Oltrop, A. (2015). Innovative Hilfen - Ein Projekt für vermeintliche "Systemsprenger". In M. Baumann (Hrsg.), Neue Impulse in der Intensivpädagogik. Beiträge zur Theorie und Praxis der Jugendhilfe, 11(1), 52-62. Hannover: SchöneWorth Verlag.

  •  Wolf, K. (2000). Schwierige Jugendliche - ohnmächtige Erzieher? Über Machtprozesse zwischen Jugendlichen und Erwachsenen im Heim. Jugendhilfe, 3, 139-147.

Impressum

Bundesverband Caritas Kinder- und Jugendhilfe e. V. (BVkE), www.bvke.de

Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ), www.ikj-mainz.de

Factsheet zum Download

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Das Factsheet stellen wir Ihnen auf Anfrage unter bvke@caritas.de gerne auch als Word-Dokument zur Verfügung.
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