Factsheet: Effektivität von intensivpädagogischen Hilfen zur Erziehung
Einleitung – Problemstellung und gesellschaftliche Relevanz
Kinder- und Jugendhilfe ist oft mit sogenannten "Systemsprengern" konfrontiert: Darunter werden junge Menschen verstanden, die aufgrund ihrer komplexen Biografien als besonders herausfordernd gelten und häufig als nicht gruppenfähig und nicht beschulbar erlebt werden. Diese Jugendlichen, oft mit umfangreicher Vorerfahrung an stationären Unterbringungsformen, erleben meist wiederkehrende Brüche ("Drehtüreffekte") in ihrer Betreuung, was vielfach zu der Annahme führt, Hilfen zur Erziehung seien bei ihnen wirkungslos. In der Regel können diese jungen Menschen aufgrund destruktiver Familienverhältnisse nicht mehr zuhause leben und sind auf intensive Betreuung angewiesen. Doch entspricht dieses Bild der Realität? Welche Faktoren entscheiden über Erfolg oder Scheitern von Hilfen?
Empirische Datengrundlage
Grundlage dieses Factsheets bilden Ergebnisse aus über 20 wissenschaftlichen Studien mit quantitativen und qualitativen Untersuchungsdesigns, so z. B. der Evaluationsstudie Erzieherischer Hilfen (EVAS) mit deutschlandweit über 75.000 evaluierten Hilfen zur Erziehung.
Wer sind die sogenannten „Systemsprenger“?
Diese jungen Menschen unterscheiden sich signifikant von anderen Hilfefällen durch
- viele (bis zu 25!) gescheiterte Hilfen im Vorfeld
- höheres Einstiegsalter (im Schnitt 13,2 Jahre)
- häufige Wohnort- und Schulwechsel
- weniger stabile familiäre Verhältnisse (häufig Vormundschaft)
- erhöhte Rate an dissozialen Störungen, Straffälligkeit und Substanzmissbrauch
- geringere persönliche Ressourcen und Schutzfaktoren
Folgende spezifischen Auffälligkeiten sind häufig
- doppelte Rate polizeilich erfasster Straftaten
- signifikant höherer Drogenkonsum
- häufige Diagnosen psychischer Störungen (z. B. ADHS, Störung des Sozialverhaltens, Bindungsstörungen, depressive Störung)
Wirksamkeit der Jugendhilfe für „Systemsprenger“ – Empirische Befunde
Die Ergebnisse der Studien sind eindeutig: Trotz schwierigster Ausgangslagen und mehrfach gescheiterter Interventionen erzielen sämtliche untersuchten Hilfearten positive Effekte: Problemlagen (z. B. Kriminalität) wurden reduziert und Ressourcen und Kompetenzen (z. B. Schulleistungen) verbessert. Insgesamt wird eine Erfolgsquote von durchschnittlich 70 % (in einzelnen Studien sogar bis über 90 %) erreicht:
Besonders effektiv zeigen sich dabei individualpädagogische Hilfen (§ 35 SGB VIII) und Intensivpädagogische Wohngruppen (§ 34 SGB VIII). Mit ihrem personalintensiven (Personalschlüssel z. B. 1:1), multidisziplinären, stark vernetzten (z. B. mit Psychiatrie) und auf den Einzelfall zugeschnittenen Vorgehen gelingen diesen Hilfen deutlich höhere Effekte als weniger intensiven Hilfen.
Volkswirtschaftlicher Nutzen der Hilfen zur Erziehung – vom Hilfeempfänger zum Beitragszahler
Aus volkswirtschaftlicher Sicht stellen die erfolgreichen Hilfen zur Erziehung eine lohnende Investition dar
- Prävention langfristiger Folgekosten durch Reduzierung von Kriminalität, Arbeitslosigkeit und Gesundheitsproblemen
- Förderung sozialer Integration und Teilhabe
- Einsparungen durch reduzierte Inanspruchnahme staatlicher Transferleistungen und Gesundheitskosten
- Erfolgreiche Hilfen zur Erziehung führen zu Beiträgen ins Steuer- und Sozialsystem
Studien belegen klar die positive Kosten-NutzenRelation einer fachlich fundierten und effektiven Jugendhilfe. Dies gilt auch für die Arbeit mit jungen Menschen, die als besonders herausfordernd gelten - obwohl hier eine intensive Rund-um-die-UhrBetreuung unabdingbar ist. Trotz der daraus resultierenden hohen Kosten gelingt es mit diesen Hilfen, ein positives Kosten-Nutzen-Verhältnis von bis zu 1:6 zu erreichen.
Zentrale Wirkfaktoren für erfolgreiche intensivpädagogische Hilfen zur Erziehung
Für nachhaltige Erfolge sind bestimmte Faktoren entscheidend, deren Umsetzung oft noch verbessert werden kann:
Ausgangslage
Je älter Jugendliche sind und je umfangreicher ihre Hilfe-Vorgeschichte ist, desto komplexer sind die Anforderungen an die Hilfen.
Prozessqualität
- Dauer der Hilfen: Langfristige, kontinuierliche Betreuung ("Haltequalität") erhöht die Effektivität signifikant.
- Partizipation und Beziehungsqualität: Aktive Beteiligung der Jugendlichen und tragfähige Beziehungen sind zwar personalintensiv, haben aber statistisch betrachtet den größten Einfluss auf die Effektivität einer Hilfe.
- Wirkungsorientierte und multiperspektivische Hilfeplanung auf Augenhöhe mit allen Beteiligten
Strukturqualität
- Qualifikation und Konstanz des Personals, verlässliche Beziehungsangebote
- evidenzbasiertes Monitoring und gezielte externe Kooperation und Vernetzung
Realbiografischer Einblick – eine Erfolgsgeschichte
Gabriel (Name geändert) wuchs in Berlin unter schwierigsten Bedingungen auf - ohne Vater und mit Gewalt im familiären Umfeld. Bereits mit zwölf Jahren übernachtete er allein im Freien, um den Exzessen und Übergriffen zu entkommen. Mit 13 fand er endlich in der Jugendhilfe des Hauses Conradshöhe Halt, erhielt Therapie, machte seinen Mittleren Schulabschluss und absolvierte eine Ausbildung zum Maler. Heute, mit nur 20 Jahren, ist er Malermeister und sportlich aktiv. Gabriels Weg zeigt eindrucksvoll, wie lebensverändernd rechtzeitige Hilfe und Unterstützung sein können - und wie viel Stärke in einem jungen Menschen stecken kann, wenn man an ihn glaubt.
Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis
- Verstärkung spezifischer, evidenzbasierter Angebote für hoch belastete Jugendliche.
- Erhalt der personellen und finanziellen Ressourcen zur Sicherstellung der notwendigen Struktur- und Prozessqualität.
- Priorisierung partizipativer Ansätze und individueller Hilfeplanung im Hilfeprozess.
- Weiterentwicklung von Qualitätsstandards für Jugendhilfeeinrichtungen, insbesondere im Umgang mit herausfordernden Jugendlichen.
Fazit
Entgegen der verbreiteten Skepsis belegen empirische Studien eindeutig die Wirksamkeit der Hilfen zur Erziehung, auch für sogenannte "Systemsprenger". Eine gezielte Qualitätsentwicklung, insbesondere hinsichtlich der zentralen Wirkfaktoren, sichert langfristige, positive Wirkungen und ist gesellschaftlich und volkswirtschaftlich lohnend.
Kontakt
Bundesverband Caritas Kinder- und Jugendhilfe
Stephan Hiller
Telefon: 0761 200-760
E-Mail: stephan.hiller@caritas.de
Literaturverzeichnis zum Factsheet "Effektivität von intensivpädagogischen Hilfen zur Erziehung"
Literaturverzeichnis zu Factsheet "Effektivität von intensivpädagogischen Hilfen zur Erziehung"
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Impressum
Bundesverband Caritas Kinder- und Jugendhilfe e. V. (BVkE), www.bvke.de
Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ), www.ikj-mainz.de

