Factsheet: Effektivität von Sozialpädagogischer Familienhilfe (SPFH)
Relevanz und Hintergründe der SPFH
Viele Familien stehen vor Herausforderungen, die sie ohne Unterstützung nicht bewältigen können. Oft sind es nicht isolierte, sondern sehr komplexe Problemlagen, die Familien an ihre Belastungsgrenzen bringen und die Erziehungskompetenz der Eltern beeinträchtigen. Häufig wirkt sich dies negativ auf die emotionale, soziale und schulische Entwicklung der Kinder aus. Dies kann zu sozialer Isolation führen und langfristig erhebliche gesellschaftliche Kosten verursachen. Hier setzt die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) an.
Die gesetzliche Grundlage der SPFH findet sich in § 31 SGB VIII. Diese Form der Unterstützung ist definiert als eine intensive, aufsuchende und langfristige Hilfe, die Familien in ihren Erziehungsaufgaben, bei der Bewältigung von Alltagsproblemen, der Lösung von Konflikten sowie im Kontakt mit Ämtern und Institutionen unterstützt. Sie ist ein unverzichtbares Instrument der Kinder- und Jugendhilfe, das Familien frühzeitig unterstützen kann. Laut Statischem Bundesamt erhielten 2022 rund 285.000 junge Menschen und ihre Familien diese ambulante Hilfe.
Gründe für SPFH
Die Gründe für die Inanspruchnahme dieser Hilfe sind vielfältig und spiegeln die Herausforderungen wider, mit denen Familien konfrontiert sind. Laut amtlicher Statistik insbesondere
- Eingeschränkte Erziehungskompetenz der Eltern/Personensorgeberechtigten
- Belastungen der jungen Menschen durch Problemlagen der Eltern
- Belastungen der jungen Menschen durch familiäre Konflikte
- Unzureichende Förderung/Betreuung/Versorgung der jungen Menschen in der Familie
Auftrag der SPFH
Auftrag der SPFH ist, Familien dabei zu unterstützen, ihre Ressourcen zu mobilisieren, Krisen zu bewältigen und ein gelingendes und eigenverantwortliches und selbstbestimmtes Leben für alle Familienmitglieder zu ermöglichen. Dies umfasst insbesondere die Verbesserung der Erziehungsfähigkeit der Eltern, indem sie in ihrer elterlichen Kompetenz gestärkt werden. Die Hilfe ist darauf ausgelegt, frühzeitig, niedrigschwellig, bedarfsgerecht und präventiv anzusetzen. Kinder verbleiben in ihrem sozialen Umfeld, Brüche werden vermieden.
Ein zentrales Merkmal der SPFH ist die systemische Arbeit mit dem gesamten Familiensystem. Ziel ist es, gemeinsam mit der Familie neue Handlungsstrategien zu entwickeln und vorhandene Stärken zu nutzen. Dabei arbeitet die SPFH eng vernetzt mit weiteren Institutionen im Sozialraum. Je nach Bedarf vermittelt sie zielgerichtet an Beratungsstellen, wie z. B. Suchtberatung, Schuldnerberatung sowie weitere Einrichtungen und Dienste im unmittelbaren Wohnumfeld der Familie. Die Ressourcen des Sozialraumes werden für die Familie nutzbar gemacht. Dies unterstützt umfassend und nachhaltig.
Empirische Datengrundlage
Grundlage dieses Factsheets bilden Ergebnisse aus über 10 wissenschaftlichen Studien mit quantitativen und qualitativen Untersuchungsdesigns, so z. B. der Evaluationsstudie Erzieherischer Hilfen (EVAS) mit deutschlandweit über 75.000 evaluierten Hilfen zur Erziehung.
Volkswirtschaftlicher und gesellschaftlicher Nutzen der SPFH
Die SPFH überzeugt durch ihre hohe Wirksamkeit (einem Euro Kosten stehen bis zu neun Euro volkswirtschaftlichem Nutzen gegenüber). Sie verhindert häufig den Einsatz teurer stationärer Hilfen bzw. kann die Rückführung in den elterlichen Haushalt unterstützen. Zudem können so langfristige Folgekosten (z. B. durch Arbeitslosigkeit) reduziert werden. Damit erweist sie sich zugleich als wirtschaftlich. Jenseits dieser ökonomischen Effekte kommt der SPFH eine wichtige gesellschaftliche Funktion zu, indem sie die Teilhabe und soziale Integration von Familien stärkt.
Zentrale Wirkfaktoren für erfolgreiche Sozialpädagogischer Familienhilfe
Für nachhaltige Erfolge sind bestimmte Faktoren entscheidend, deren Umsetzung oft noch verbessert werden können:
- Partizipation und Beziehungsqualität: Aktive Beteiligung der Familien und tragfähige Beziehungen sind zwar sehr personalintensiv haben aber statistisch den größten Einfluss auf die Effektivität der SPFH.
- Dauer der Hilfen: Länger andauernde SPFH (im Sinne eines höheren Zeitkontingentes) erhöhen die Effektivität signifikant. Ab 24 Monaten Hilfedauer wird das höchste Effektniveau erreicht. Messbare Effekte treten bereits in den ersten Monaten auf.
- Qualifikation und Konstanz der Fachkräfte, verlässliche Beziehungsangebote. - Wirkungsorientierte und multiperspektivische Hilfeplanung auf Augenhöhe mit allen Beteiligten; Aushandlungsprozess mit gemeinsamer Zielformulierung.
Realbiografischer Einblick
J. ist fünf Jahre alt und lebt bei seinen Eltern. Das ältere Geschwisterkind lebt in einer stationären Einrichtung. Die Beziehung der Eltern ist konfliktreich und von Gewalt geprägt, zudem bestehen hohe emotionale und finanzielle Belastungen. Wegen Mietrückständen drohte ein Verlust der Wohnung. In der Kita fiel J. durch aggressives Verhalten und unregelmäßigen Besuch auf. Das zuständige Jugendamt wurde informiert. Die Eltern wollten an der angespannten Familiensituation etwas ändern. Der Einsatz einer SPFH wurde vereinbart. Diese unterstützte die Eltern bei Therapie- und Behördenkontakten, der Klärung der Finanzen sowie der Strukturierung des familiären Alltags. Die Eltern wurden in Erziehungsfragen unterstützt, für J. ein Schutzplan entwickelt, sodass dieser gewaltfrei aufwachsen kann. Er besucht nun die Schule und eine Tagesgruppe. Die Eltern nehmen jeweils therapeutische Hilfe und gemeinsam Paartherapie in Anspruch. Die SPFH ist weiterhin Ansprechperson in Krisensituationen.
Handlungsempfehlungen für Politik und Praxis
- Aufrechterhaltung der personellen und finanziellen Ressourcen zur Sicherstellung der notwendigen Struktur- und Prozessqualität, um möglichst viele Familien bedarfsgerecht und wirksam zu erreichen
- Weiterentwicklung der Qualitätsstandards im Sinne einer gelingenden Jugendhilfeplanung
- Frühzeitige Gewährung der SPFH zur Stabilisierung der Familien
- Verstärkung spezifischer, evidenzbasierter Angebote für Familien in herausfordernden Situationen - Priorisierung partizipativer Ansätze und individueller Hilfeplanung im Hilfeprozess
Fazit
Empirische Studien belegen eindeutig die Wirksamkeit der SPFH als frühzeitige, niedrigschwellige und bedarfsgerechte Hilfe. Eine gezielte Qualitätsentwicklung, insbesondere hinsichtlich der zentralen Wirkfaktoren, sichert langfristige, positive Wirkungen und ist gesellschaftlich und volkswirtschaftlich lohnend. Mit dieser Hilfe können Familien ohne weitere institutionelle Unterstützung und aus eigener Kraft ein gelingendes Leben in unserer Gesellschaft führen.
Kontakt
Bundesverband Caritas Kinder- und Jugendhilfe
Stephan Hiller
Telefon: 0761 200-760
E-Mail: stephan.hiller@caritas.de
Literaturverzeichnis zum Factsheet "Effektivität von Sozialpädagogischer Familienhilfe (SPFH)"
Literaturverzeichnis Factsheet "Effektivität von Sozialpädagogischer Familienhilfe (SPFH)"
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Impressum
Bundesverband Caritas Kinder- und Jugendhilfe e. V. (BVkE), www.bvke.de
Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKJ), www.ikj-mainz.de

