Berlin/Freiburg, 20. September 2026. Armut entscheidet in Deutschland noch immer wesentlich darüber, welche Bildungswege Kindern und Jugendlichen offenstehen. Wer in einer Familie mit wenig Einkommen aufwächst, hat häufiger keinen ruhigen Lernort, weniger Zugang zu Lernmaterialien, Nachhilfe, digitalen Angeboten, Kultur oder Vereinsleben. Diese Nachteile treffen auf ein Bildungssystem, das soziale Unterschiede vielfach nicht ausgleicht, sondern verstärken kann. Zum Weltkindertag fordert der Bundesverband Caritas Kinder und Jugendhilfe e. V. (BVkE), den Bildungserfolg endlich konsequent von der sozialen Herkunft zu entkoppeln.
Armut verhindert Bildung und fehlende Bildungschancen erhöhen wiederum das Armutsrisiko. Dieser Kreislauf beginnt lange vor dem ersten Schultag und kann sich über Ausbildung, Erwerbsleben und gesellschaftliche Teilhabe bis ins Erwachsenenalter fortsetzen. Bildungsgerechtigkeit ist deshalb ein zentraler Bestandteil wirksamer Armutsprävention und fördert Entwicklungs- und Teilhabechancen.
"Kein Kind darf weniger Zukunftschancen haben, weil das Einkommen der Eltern niedrig ist oder die Familie in einem belasteten Quartier lebt. Wir wissen seit langem, wie eng Armut und Bildungserfolg zusammenhängen. Jetzt braucht es den politischen Willen, daraus verlässliche Strukturen zu machen. Investitionen in Bildung und Kinder- und Jugendhilfe sind Investitionen in Armutsprävention, Teilhabe und gesellschaftlichen Zusammenhalt", erklärt BVkE-Geschäftsführer Stephan Hiller.
Mehr als 62 000 junge Menschen ohne Schulabschluss
Wie dringend gehandelt werden muss, zeigt die wachsende Zahl junger Menschen ohne Ersten Schulabschluss. Im Jahr 2024 verließen bundesweit mehr als 62.000 Schülerinnen und Schüler die Schule ohne Ersten Abschluss. Dies ist ein neuer Höchststand. Gegenüber 2020 ist die Zahl um gut ein Drittel gestiegen.
Ein fehlender Abschluss erschwert den Zugang zu Ausbildung und Beschäftigung erheblich. Von den 20- bis 34-Jährigen ohne Schulabschluss (beziehungsweise ohne entsprechende Angabe) hatten 2024 rund 79 Prozent auch keinen formalen Berufsabschluss. Damit drohen Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung und dauerhafte soziale Ausgrenzung. Bildungsabbrüche müssen deshalb früh verhindert werden. Zugleich muss der nachträgliche Erwerb von Abschlüssen und verlässliche Übergänge in Ausbildung und Beruf offenstehen.
Bildungsgerechtigkeit beginnt in der frühen Kindheit
Herkunftsbedingte Unterschiede entstehen bereits in den ersten Lebensjahren. Gerade Kinder aus sozioökonomisch benachteiligten Familien profitieren von hochwertiger frühkindlicher Bildung, nehmen entsprechende Angebote jedoch seltener in Anspruch. Benötigt werden deshalb nicht nur ausreichend Plätze, sondern auch niedrigschwellige Zugänge, verbindliche Qualitätsstandards und eine bessere personelle und finanzielle Ausstattung von Einrichtungen in belasteten Sozialräumen.
Auch Schulen müssen so ausgestattet sein, dass sie unterschiedliche Ausgangslagen tatsächlich ausgleichen können. Dazu gehören, individuelle Förderung, multiprofessionelle Teams sowie flächendeckende Schulsozialarbeit und Schulpsychologie. Inklusive Bildungswege müssen jungen Menschen mit Behinderungen größtmögliche Abschluss- und Anschlussmöglichkeiten eröffnen. Individuelle Unterstützungsansprüche dürfen dabei nicht durch pauschale Infrastrukturangebote ersetzt werden.
Kinder und Jugendhilfe als Bildungsakteurin stärken
Kinder und Jugendhilfe als Bildungsakteurin stärken
Bildung findet nicht allein in der Schule statt. Kindertagesbetreuung, Schulsozialarbeit, Hilfen zur Erziehung und Jugendsozialarbeit eröffnen Bildungsräume, stärken Selbstwirksamkeit und begleiten junge Menschen in schwierigen Lebenslagen. Schule, Kinder- und Jugendhilfe, Ausbildungs- und Arbeitsförderung sowie Gesundheitswesen müssen deshalb verbindlich zusammenarbeiten. Dafür braucht es klare Zuständigkeiten, verlässliche Kooperationsstrukturen und eine dauerhaft gesicherte Finanzierung.
Der BVkE fordert zum Weltkindertag insbesondere
- Kinderarmut bekämpfen und Bildungsgerechtigkeit priorisieren: Eine wirksame Armutsprävention und verlässliche Unterstützung von Familien sind zentrale Voraussetzungen dafür, Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln.
- Bildungssysteme verbindlich verzahnen: Schule, Kinder- und Jugendhilfe sowie Ausbildungs- und Arbeitsförderung müssen als gleichwertige Partner zusammenarbeiten, Angebote abstimmen und Übergänge gemeinsam gestalten.
- Frühkindliche Bildung und Ganztag stärken: Kindertagesbetreuung und Ganztagsförderung brauchen bundesweit verlässliche Qualitätsstandards, qualifizierte Fachkräfte und eine dauerhaft gesicherte Finanzierung.
- Inklusive und individuelle Teilhabe gewährleisten: Ein inklusives Bildungssystem muss Vielfalt anerkennen und durch bedarfsgerechte Assistenz, fachliche Expertise und flächendeckende Schulsozialarbeit allen jungen Menschen Teilhabe ermöglichen.
- Übergänge in Ausbildung und Beruf absichern: Junge Menschen benötigen beim Übergang von der Schule in den Beruf passgenaue, rechtskreisübergreifend abgestimmte und dauerhaft finanzierte Unterstützungsangebote.
"Kinderrechte dürfen nicht von Wohnort, Einkommen oder Bildungsstand der Eltern abhängen", so Hiller. "Der Weltkindertag muss deshalb ein Auftrag an Bund, Länder und Kommunen sein: Kinderarmut bekämpfen, Bildungsbarrieren abbauen und jungen Menschen echte Zukunftsperspektiven eröffnen."